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Small is beautiful

In der Nasskollodiumszene ist ja schon länger die Gigantomanie ausgebrochen. Allen voran der Ami Ian Ruther, der einen Lieferwagen zur camera obscura cum Fotolabor umgebaut hat, war hier ein Trensetter, der sich dazu auch noch gut zu vermarkten weiß:

SILVER & LIGHT from Ian Ruhter : Alchemist on Vimeo.

Ich bete jeden Abend für ihn, dass ihm das Ding nicht eines Tages um die Ohren fliegt, wenn er da mit literweise Äther hantiert…

Historische Dauerrotypien und Albuminabzüge von Kollodium-Negative waren selten größer als 24×30 cm. Trotzdem ist Herr Ruther in bester (?) historischer Gesellschaft mit seinen Mammut-Platten.
Als Mammut-Formate bezeichnete man alles darüber und das konnte bereits im 19. Jahrhundert ziemlich groß sein. In Paris waren Riesen-Fotografien bereits um 1860 ein beliebter Werbe-Gag, lebensgroße und überlebensgroße Portraits zogen ein Massenpublikum an.
Disdéri, der Vater der kommerziellen Atelierfotografie und Erfinder der carte de visite hatte sie selbstverständlich im Programm.
Der Schotte John Kibble baute 1858 eine Kamera im Format 111×100 cm. Das Ross-Objektiv, praktisch ein leichtes Tele, hatte eine Brennweite von 1800 mm. Die Kamera hatte Räder und wurde von einem Pferd gezogen.
In den USA wurde 40 Jahre später für George R. Lawrence eine über dreimal so große und fast 650kg schwere Kamera names „The Mammoth“ gebaut, die von einer kleinen Lokomotive gezogen werden musste.
Die Platten mussten von vier Männern eingelegt werden. Zeiss lieferte die Objektive: ein 1670 mm Weitwinkel und ein 2500er Tele.

„With this camera, the Americans lived up to their reputation for doing everything on a bigger scale than everybody else.“ schreibt Gernsheim.

Ein Landsmann von Lawrence, der ingeniöse Gerald Figal, geht jetzt einen ganz anderen Weg:
er belichtet Mikroskop-Gläser in seiner Nikon – und zwar aus der Hand!
„Microtypes“ hat er seine Technik benannt.
Eine detaillierte Anleitung (leider noch ohne Bilder) gibt er hier:

http://photaku.net/?page_id=164

Quellen: H.&A. Gernsheim, The History of Photography, 1685-1914, New York, 1969

 

 

4×5″ Kassetten-Umbau

Die erste Ambrotypie im eigenen Studio war ein euphorisierendes Erlebnis.
Vielleicht liegts auch nur an den Kollodium-Dämpfen??

Ich hab die Aufnahme mit einer alten Graflex gemacht (war zu faul, für ein Testbild die Sinar aufzubauen), in einer umgebauten 4×5″ Kassette aus Holz – die lassen sich relativ einfach bearbeiten.
Damit kann man aus jeder Großformat mit Int. Rückteil eine Nassplattenkamera machen.

Die erste hab ich beim „Schlachten“ gekillt. Beim Entfernen der Zwischenwände aus Blech, in die man den Film einschiebt, hab ich ein wenig zuviel Gewalt angewandt und viel Holz rausgerissen. Die Rillen für die Schieber sollten natürlich erhalten bleiben!!
Wär notfalls schon noch gegangen, aber ich hab noch ein paar so alte Dinger aus den 40ern und 50ern rumliegen.
Also hab ich bei der nächsten die Bleche sehr vorsichtig gelöst, in der Mitte etwas eingeknickt und dann rausgezogen.

Dann muss man einen kleinen Intelligenztest in räumlichem Denken lösen:
Eine Seite ist zum Laden, eine zum Belichten zu öffnen.
Wo ist die Fokusebene und wo muss ich das Holz wegschneiden und die kleinen Metallecken reinschlagen?

Nota bene: die Glasplatten kommen von hinten rein, mit der Emulsion nach vorne!
Das heißt, der Anschlag ist die vordere Filmebene.
Alles klar? Keine Angst, man kriegt das hin.

Für die Metall-Ecken haben wir dünnes Metallband genommen.
Ursprünglich wollte ich (wie bei Einzelblatt-Polas) so ein dünnes Lochblech quer über die beiden Schmalseiten legen – da hatte ich aber keines da. Außerdem tragen die Eckchen nicht so auf.

Die hab ich dann noch mit Sekundenkleber fixiert, die Umklappfalze der Kassette ebenfalls (braucht man ja nicht mehr).

Als Andruckfeder hab ich ein kleines, gebogenes Stück Blechband zwischen (Lade-)Schieber und Glas gelegt.
Beim ersten Test hab ichs vergessen, hat nichts ausgemacht, das Kollodium klebt ein bisschen und hält die Platte an den Ecken, solange man keine Wolken oder Mondkrater fotografiert.

So sieht das Ding aus: