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Cadmiumfreies Kollodium: Lithium?

Andreas Reh, Kollodonist aus Gießen beschäftigt sich mit einem Thema, das auch mich immer wieder umtreibt:

Wie bekomme ich  giftige, gefährliche und umweltschädliche Substanzen aus dem Prozess?

Dazu zählen auf jeden Fall Cadmiumbromid, respektive Cadmiumiodid, die in vielen Rezepten für jodiertes Kollodium enthalten sind. Bezeichnenderweise ging es schon in meinem allerersten Beitrag für diesen Blog um cadmiumfreies Kollodium.
Cadmium ist stark Krebs erregend. Deshalb sollte man es nur mit besonderer Umsicht (FFP-2 Staubmaske, Brille, Handschuhe, nicht kleckern!) benutzen – oder am besten eben gar nicht.

Als erstes experimentierte ich darum mit einem (selbsterfundenem) Kaliumbromid/Ammoniumiodid-Gebräu, das erstaunlich schnell war. Allerdings ist vor allem das Ammoniumiodid ziemlich unbeständig. Davon hatte ich damals keine Ahnung,  es hat aber erstaunlicherweise funktioniert.

Bald bin ich dann auf die  Poor Boy genannte Kaliumiodid/Kaliumbromid-Formel gekommen. Relativ ungiftig. Das cadmiumfreie Kollodium löst sich allerdings etwas leichter vom Glas und ist auch in der Haltbarkeit weit wenig stabiler als Kollodium mit Cadmium.
Kaliumbromid ist außerdem unlöslich in Alkohol und gibt gerne einen etwas nervigen weißen Niederschlag, der besonders vorsichtiges Dekantieren erfordert. Cadmium hingegen fördert die Löslichkeit von Kaliumsalzen im Kollodium. Außerdem macht es das Kollodium zäher, was manche mögen.

Haltbarkeit ist ein gewichtiges Thema, weil die stabileren Mischungen konsistenteres Arbeiten erlauben.
Denn Kollodium altert – oder schöner gesagt: es reift – darum sollte man bei nicht so beständigen Rezepturen immer mal wieder frisch ansetzen und nachgießen.

Ich mache also ein Cuvee, wie Cognac-Brenner, Champagner-Kellermeister oder Köche ewiger Eintöpfe und orientiere mich da durchaus an der Farbe. Zum durch die Iod-Zersetzung rötlich gewordenen Poor Boy gieße ich soviel klares Kollodium, bis es wieder  hellorange ist. Ein hemdsärmeliges Verfahren, das aber relativ gut funktioniert. 

Der häufige Ansatz kleinerer und deshalb weniger genau abgewogener Mengen kann allerdings auch ganz schöne Schwankungen bewirken…
Cadmium-Kollodium dagegen kann man in größeren Mengen ansetzen, es bleibt sehr lange klar. Rekordhalter soll laut Eders Handbuch der Fotografie (S. 215, Band 2, Halle, 1897) H. W. Vogels „Aequivalent-Collodion“  sein. Es besteht nur aus Cadmiumbromid und Cadmiumiodid und soll jahrelang haltbar sein.

Die Haltbarkeit war der Grund, warum ich dann doch mal Cadmiumsalze geordert habe. Bei Anfänger-Workshops bleiben die allerdings im Giftschrank.

Bei der Lichtempfindlichkeit ist Cadmium dagegen ziemlich lahm. In  Kombination mit Ammonium wird es aber empfindlicher. So eine Rezeptur ist z.B. „Quick Clear-Collodion“.

Am empfindlichsten soll laut Eder übrigens Strontium-Kollodium sein. Das gar nicht mal so giftige  Strontium wird auch von Paul Liesegang empfohlen – allerdings  in Kombination mit Cadmiumsalzen.

Andreas Reh hat jetzt Lithium eingesetzt, um das giftige Cadmium zu substituieren.

Lithium wird im Kollodiumverfahren schon seit den 1860ern benutzt und man findet immer mal wieder einen Autor in der Fachliteratur des 19. Jahrhunderts, der ein Kollodium mit Lithium auf Lager hat. Für bestimmte Einsatzzwecke  (Kinder, Tiere, Momentaufnahmen) wurde es als „Rapidcollodion“ anscheinend  durchaus benutzt. (s. Rezept). Durch einen hohen Iodanteil und  die Kombi mit Ammonium sollte es  ziemlich rasant sein.

Andreas hat das cadmiumfreie „Reh’s New Generation“ zusammen mit Chemikern der Justus-Liebig-Universität entwickelt.  Wie er festgestellt hat, ist sein Lithium-Kollodium 40% empfindlicher als die Rezeptur mit Cadmiumbromid. Dankenswerterweise hat er das Rezept auf seinem Blog geteilt, ich will es hier nicht einfach ohne Erlaubnis abtippen.

„Reh’s New Generation Collodion“ enthält neben Kaliumiodid und Ammoniumiodid das  Lithiumbromid als Ersatz für Cadmiumbromid.

Der Meister Eder schreibt viel Gutes über Lithium, aber auch den Grund, warum es selten benutzt wird:

Der hohe Preis der Lithiumsalze und die verhältnismäßig geringe Haltbarkeit derselben ist die Veranlassung, dass dieselben nur in sehr geringem Maße verwendet werden.

Dass es teurer ist, juckt heute wohl niemanden: 100g kosten €30.
Aber die Haltbarkeit…?? Also doch back to square one?

Die Positive, die er damit gemacht hat sehen jedenfalls bombe aus,  sehr schöne Halbtöne. Die gesteigerte Empfindlichkeit ist ebenfalls ein großes Plus. Ich bin gespannt, wie die Haltbarkeit aussieht. 

Eine Möglichkeit wäre, die Iodierungslösung aus Salzen und Alkohol in größeren Mengen zu mischen und dann in kleineren Teilmengen mit Kollodium zu mischen.

Sollte ich vielleicht mal ausprobieren. Oder gleich Strontium? Oder das Strontium-Rezept mit Lithium tunen? Oder vielleicht einfach fotografieren? Ach ja, vita brevis, ars longa. Schöne Scheiße. 

Update:
Andreas schreibt, dass die Haltbarkeit seiner Mischung sehr gut sein soll. Bisher (3 Monate) ist es wohl so beständig wie Quick Clear Collodium (Ammoniumiodid/Cadmiumbromid).
Das eingesetzte Lithiumbromid ist wohl bei weitem nicht so instabil wie das Lithiumiodid, allerdings auch sehr hydroskopisch. Also immer schön Silikagel in den Giftschrank legen!

Rezepte:

Vogels Aequivalent-Collodion (für Negative) 

1 g Cadmiumbromid
5 g Cadmiumiodid
in 90ml Ethanol lösen
270 ml Kollodium 2% zugeben

 Liesegangs Strontium-Collodium (für Negative)

10 g Strontiumiodid
1,8 g Cadmiumbromid
in 200ml Ethanol lösen und filtern
600ml Kollodium 3% zugeben

Meister Eders Lithium-„Rapidcollodion“ (für Negative)

6 g Lithiumiodid
3 g Ammoniumiodid
1,2 g Ammoniumbromid
in 175ml Ethanol lösen
525 ml Kollodium 2% zugeben

Das Rezept für Andreas Rehs Kollodium findet man auf seinem Blog: http://kollodium.blogspot.de/

Kollodium ohne Cadmiumbromid: erster Versuch erfolgreich!

Nach dem sehr empfehlenswertem Nasskollodium-Workshop bei Stefan Sappert in Wien hat es lange gedauert, bis ich alle Giftstoffe zusammen hatte, die für diesen Prozess aus den 1850ern nötig sind.
Vor allem

      Kollodium natürlich
      Silbernitrat zum Sensibilisieren
      Eisensulfat als Entwickler

…und Salze fürs Kollodium, damit die Elememtarteilchen was zu tun haben.

Eines dieser Salze ist Cadmiumbromid.
Ziemlich giftig und krebserregend – aber geht es auch ohne?

Ja, es geht!

Mein erstes Kollodium besteht aus:

    90ml Merck-Kollodium 4%
    90ml Bioethanol
    1,05g Kaliumbromid
    1,3g Ammoniumjodit
    5ml Wasser

Erstes Testbild:

4×5″, Xenar 135, f:4,7, 15s
ASA ist ungefähr 1,5-2, ich hatte mit weniger gerechnet.
Ist also erstaunlich empfindlich, obwohl das Silberbad vorher noch nie eine Platte gesehen hat.